Hohe Zinsen, eine Welt voller geopolitischer Unruhen und eine Wirtschaft, die am Rande einer Rezession steht – das Jahr 2024 scheint dem M&A-Markt alles andere als wohlgesonnen zu sein. Dennoch bleibt eine echte Krise aus. Wie ist das möglich? Wir haben darüber mit Hein Stoops, Partner bei Hogenhouck M&A, gesprochen.
„Ein etwas seltsames Jahr“ – so fasst Hein Stoops das Jahr 2024 in fünf Worten zusammen. Für Dealmaker kamen damals tatsächlich ziemlich viele Entwicklungen zusammen. Was er damit aber vor allem meint, ist, dass der Schaden, den dieser fast perfekte Sturm in der M&A-Landschaft anrichtet, eigentlich noch im Rahmen bleibt.
„Die Welt ist ziemlich in Aufruhr“, beginnt Stoops. „Der Krieg in der Ukraine zieht sich endlos hin, und dazu kam in diesem Jahr noch der Nahe Osten. All diese geopolitischen Entwicklungen wirken sich natürlich auf die Wirtschaft aus. So schoss die Inflation in die Höhe, woraufhin die Zinsen folgten. Und Ende letzten Jahres befanden wir uns in den Niederlanden schlichtweg in einer Rezession.“
All dies führt unweigerlich zu einem angespannteren Kapitalmarkt. „Es ist einfach teurer und schwieriger, Kredite aufzunehmen. Und in einem unsicheren Markt sind Käufer ohnehin etwas zurückhaltender. Dennoch lief es in einigen M&A-Segmenten weiterhin recht gut. Das hat Außenstehende vielleicht positiv überrascht“, erklärt Stoops, der bereits seit rund zwei Jahrzehnten in der Branche tätig ist.
Es gibt genug zu tun
BeiHogenhouck M&A, wo er seit 2018 Partner ist, gab es daher auch in diesem Jahr noch genug zu tun. „Wir haben nach wie vor sehr viele Transaktionen in der Pipeline.“
Dabei profitiert Hogenhouck M&A auch von seiner Positionierung, räumt Stoops ein. „Wir sind stark in den Branchen tätig, die sich weiterhin relativ gut entwickeln: Denken Sie an IT, Technologie, Software, die Energiewende – solche innovativen Branchen, die zu einer effizienteren Welt beitragen, bleiben immer gefragt.“
„Alles lässt sich auf Menschen zurückführen, die Geld ausgeben.“
Ein weiterer Vorteil für die M&A-Kanzlei aus Den Haag besteht darin, dass sie sich auf Unternehmer im mittleren Segment konzentriert. „Dort ist man weniger vom Kapitalmarkt abhängig. Käufer finanzieren die Transaktionen zu einem größeren Teil aus Eigenkapital, sodass man relativ weniger unter den hohen Zinsen leidet.“
Im höheren Transaktionssegment fiel der Rückgang etwas stärker aus. „Bei großen Übernahmen – sagen wir ab 100 Millionen – muss man relativ mehr Kredite aufnehmen. Und die Zinsen sind dreimal so hoch geworden. Dann muss man nur die Zahlen in eine Excel-Tabelle eintragen, um zu erkennen, dass manche Transaktionen einfach nicht mehr realisierbar sind.“
Das Fundament der Wirtschaft
So hat Hogenhouck M&A „ein bisschen Glück“ mit seinem Schwerpunkt. Das erklärt jedoch noch nicht, warum der Einbruch auf dem M&A-Markt so glimpflich ausfällt. Die Erklärung dafür liegt laut Stoops – vielleicht überraschenderweise – zum Teil in der alternden Bevölkerung.
„Eigentlich befindet sich die Wirtschaft schon seit Jahren in unruhigen Gewässern, und zwar schon seit Corona“, erklärt er. „Dennoch bleibt eine wirklich tiefe Wirtschaftskrise wie die von 2008 aus. Ein wichtiger Grund dafür liegt in einem atypischen Merkmal der aktuellen Situation: Während ein wirtschaftlicher Rückgang traditionell mit hoher Arbeitslosigkeit einhergeht, sind die Beschäftigungszahlen nach wie vor gut.“
Und das hängt ganz und gar mit der Überalterung der Bevölkerung zusammen. „Dieser Trend lässt sich von der Wirtschaft nicht beeinflussen. Sehr viele Menschen scheiden aus dem Arbeitsmarkt aus. Das führt dazu, dass fast die gesamte Erwerbsbevölkerung einen Arbeitsplatz hat und weiterhin konsumieren kann. Und damit sind wir bei den Grundgesetzen der Wirtschaft angelangt: Diese wird letztendlich von der Nachfrage angetrieben – alles lässt sich auf Menschen zurückführen, die Geld ausgeben.“
Ausgereifter M&A-Markt
Auf diese Weise stützt die alternde Bevölkerung zum Teil die Gesamtwirtschaft und damit indirekt auch den M&A-Markt. Darüber hinaus trägt sie aber auch direkt zur Transaktionsaktivität bei, und zwar gleich auf zwei Arten.
Der erste Grund hängt wiederum mit dem angespannten Arbeitsmarkt zusammen. „Übernahmen sind eine gute Möglichkeit, auf diesem angespannten Arbeitsmarkt dennoch Talente zu gewinnen“, erklärt Stoops. „Man sieht also, dass dies als Impulsgeber für Transaktionen wirkt, insbesondere auf dem IT-Markt, wo der Mangel an Fachkräften besonders extrem ist.“
„Angesichts des kurzen Anlagehorizonts vieler Fonds könnte es spannend werden.“
Zweitens führt die alternde Bevölkerung dazu, dass viele Unternehmer in den Ruhestand gehen und ihr Unternehmen verkaufen. „Das ist ein Trend, der schon seit einigen Jahren anhält und auch in den kommenden Jahren für einen stabilen Zustrom sorgen wird.“
Dabei profitiert die Niederlande laut Stoops auch von einem sehr ausgereiften M&A-Markt. „Eine Transaktion durchzuführen, ist hier – mehr als im Ausland – zur Normalität geworden. Früher stand das nicht so sehr auf der Tagesordnung, aber der Markt ist mittlerweile so professionell und transparent geworden, dass Unternehmer darüber diskutieren und im Voraus planen.“
Druck im Kessel
Natürlich lässt sich nicht alles auf die Überalterung zurückführen. Ein weiterer Faktor, der eine Rolle spielt, ist der Aufstieg von Private Equity. „Vor vier Jahren entfiel mehr als die Hälfte der Transaktionen auf strategische Käufer. Das hat sich inzwischen jedoch umgekehrt“, stellt Stoops fest.
Während strategische Käufer in wirtschaftlich schwierigen Zeiten weniger aktiv werden, können sich Private-Equity-Gesellschaften das nicht wirklich leisten. „Sie sitzen auf einem riesigen Berg an ‚Dry Powder‘, wie man so schön sagt. Und dieses Geld muss irgendwohin fließen. Sie müssen weiterhin Transaktionen abschließen – wenn man keine Rendite erzielt, geht man einfach aus dem Geschäft.“
Damit ist natürlich ein Risiko verbunden: Wer unter Druck steht, neigt eher dazu, Fehlkäufe zu tätigen. „Gerade angesichts des kurzen Anlagehorizonts vieler Fonds kann das spannend werden. In der Blütezeit zwischen 2020 und 2022 haben sie viel zu hohen Bewertungskennzahlen gekauft. Das muss in zwei, drei Jahren wieder verkauft werden. Wenn sich der Markt nicht erholt, ist es fraglich, ob sie damit Rendite erzielen können.“
2025
Das führt uns direkt zu einer weiteren zentralen Frage: Wird sich der Markt in nächster Zeit erholen? Stoops ist hinsichtlich der Aussichten für 2025 „vorsichtig optimistisch“.
„Bei Hogenhouck stelle ich fest, dass wir im Laufe dieses Jahres bereits eine zunehmende Aktivität beobachten“, erklärt er. „Und da wir vor allem auf der Verkäuferseite tätig sind, befinden wir uns ganz an vorderster Front. Wenn also mehr Unternehmer mit uns ins Gespräch kommen, weiß man, dass neun bis zwölf Monate später die Transaktionen wieder richtig in Gang kommen. Ich gehe daher davon aus, dass sich dieser Trend bis 2025 fortsetzen wird.“
„Die sinkenden Zinsen sorgen für etwas weniger Unsicherheit auf dem Kapitalmarkt.“
Auch im Segment der größeren Transaktionen scheint es langsam in die richtige Richtung zu gehen. „Ich habe bereits im Sommer erste Anzeichen dafür erhalten, dasssich der Markt für größere Transaktionen wiederbelebt.“
Diese vorsichtige Wende hängt stark mit den inzwischen wieder sinkenden Zinsen zusammen. „Das erleichtert die Finanzierung großer Geschäfte wieder. Außerdem nimmt es dem Kapitalmarkt etwas Unsicherheit. Käufer wissen ziemlich genau, woran sie sind: Die Zinsen bleiben gleich oder sinken noch weiter.“
Von einer Jubelstimmung kann jedoch noch lange keine Rede sein. „Dafür ist die Marktlage zu unsicher. Vor allem angesichts all dieser geopolitischen Unruhen. Sollte es plötzlich zu einer noch stärkeren Eskalation kommen, kann sich alles schlagartig wenden.“
Härter arbeiten
Was die Aussichten für Hogenhouck M&A selbst angeht, zeigt sich Stoops etwas zuversichtlicher. „Wir haben unsin den letzten siebzehn Jahreneinfach einen sehr guten Ruf erarbeitet. Man sieht auch, dass wir in letzter Zeit stets ganz oben in den Ranglisten der aktivsten Dealmaker stehen.“
„Darum geht es uns nicht so sehr“, relativiert er, „aber es hilft natürlich schon: Unternehmer suchen schließlich Experten mit der nötigen Erfahrung, die sie bei einem so entscheidenden Schritt in ihrem Leben begleiten.“
Und eine derart solide Erfolgsbilanz ist in Zeiten, in denen nicht alles von selbst läuft, besonders wertvoll. „Das trägt sicherlich dazu bei, dass wir noch viele Projekte in der Pipeline haben. Und natürlich hilft es auch bei der Umsetzung dieser Projekte.“
„Denn wie man es auch dreht und wendet: Das Interesse der Käufer ist etwas geringer geworden, und sie sind kritischer. Dadurch muss man sich manchmal etwas mehr ins Zeug legen, aber das macht es nur noch spannender, und so wird unser Mehrwert glücklicherweise wieder mehr geschätzt!“
(Dieser Artikel wurde von Consultancy.nl verfasst.)